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Lesetechnik: Speedreading/Lesegeschwindigkeit

Saturday, February 16th, 2008

Speedreading
Es kommt oft vor, dass man viel Lesestoff zu bewältigen hat, die Zeit aber meist knapp bemessen ist. Was tun, wenn man noch 400 Seiten vor sich hat, die Nacht aber bereits zu enden scheint und man den Stoff am nächsten Tag beherrschen muss? Natürlich, man hätte sich früher und besser vorbereiten müssen. Dieses Argument soll nun aber vernachlässigt werden, denn dafür ist es kurz vor der Prüfung zu spät. Was ist also zu tun?
Eine Lösung um eine dicke Lektüre in kurzer Zeit zu meistern ist die richtige Lesetechnik. Und genau dafür ist diese Eintragsreihe gedacht: Hier soll gezeigt werden, wie man am schnellsten (und besten) Lesestoff bewältigt.

Der erste Teil widmet sich der Lesegeschwindigkeit. Nun bevor ich mich diesem Thema intensiver widme muss eines beachtet werden. Das sogenannte Speedreading ist kein Wundermittel. Und vorallem ist es nicht für jeden Stoff geeignet. Das schnelle Lesen eignet sich selten für Sprachorientiertes Wissen. Wenn ich Goethe kritisieren muss, steht seine Sprache im Zentrum - Speed reading wäre hier falsch am Platz. Das schnelle Lesen eignet sich viel eher dafür, um sich einen inhaltlichen Überblick zu verschaffen. Der Inhalt steht im Mittelpunkt.
Es gibt verschiedene Anwendungen für diese Lesetechnik; meist können sie auch kombiniert werden, je nach Zweck.

Buchstabenerfassung
Es ist erstaunlicherweise für das Verständnis eines Wortes nicht zwingend notwendig, dass jeder einzelne Buchstabe gelesen wird. Je nach Lesetyp wird das unter Umständen bereits praktiziert. Natürlich kann diese Technik nicht bei jeder Form von Texten benutzt werden. Texte mit einem hohen Anteil an Fremdwörter, verlangsamen das Tempo. Ausserdem wirkt sich der Wortschatz direkt auf die Lesegeschwindigkeit aus. Habe ich also beispielsweise einen riesigen Wortschatz, dann erkenne ich die einzelnen Wörter schneller und vorallem sind mir die Wörter bekannt.
Zu dieser Technik gibt es eine interessante Übung. Der folgende Text wurde grammatikalisch verfälscht. Es soll nun versucht werden, die Wörter so schnell wie möglich zu lesen; ein “mit-murmeln” verlangsamt das Lesen (dazu später mehr), einfach nur innerlich lesen. Es geht ausnahmsweise nicht um das Verständnis, nur um das Lesen!

In dizem Biespeiltext wurten eihnige Buehstabn vertausht odr sogr wegelasen um zu ilustiern dass das Vrstndis erhlten bliebt bezeihugswese ds Gehrn es dnoch vrstet. Zm einen könen Buchstbn wgelasn wrdn odr sie können verdreiht wreden solunge die Anfungs- und Schulssbuhcstbaen erhlaten blieben.

Dieses (kleine) Beispiel sollte zeigen, dass man nicht zwangsweise jeden einzelnen Buchstaben eines Wortes lesen muss, um es zu verstehen; viele Buchstaben könne einfach “überlesen” werden.

Worterfassung
Die gleiche Technik kann nun bei einigen Wörtern angewandt werden. Man wendet sich von der korrekten deutschen Grammatik ab und überliest unwichtige Wörter. Auch hier ein kleines Beispiel. Aus folgendem Text

Nach einer glücklichen, jedoch für mich sehr beschwerlichen Seefahrt, erreichten wir endlich den Hafen. Sobald ich mit dem Boote ans Land kam, belud ich mich selbst mit meiner kleinen Habseligkeit, und durch das wimmelnde Volk mich drängend, ging ich in das nächste, geringste Haus hinein, vor welchem ich ein Schild hängen sah. Ich begehrte ein Zimmer, der Hausknecht maß mich mit einem Blick und führte mich unters Dach. Ich ließ mir frisches Wasser geben, und genau beschreiben, wo ich den Herrn Thomas John aufzusuchen habe: - »Vor dem Nordertor, das erste Landhaus zur rechten Hand, ein großes, neues Haus, von rot und weißem Marmor mit vielen Säulen.

(Auszug aus Chamissos Peter Schlemihls wundersame Geschichte)

wird mit dieser Technik folgendes:

glücklichen - beschwerlichen Seefahrt - Hafen - Land - belud - kleinen Habseligkeit - wimmelnde Volk - drängend - Haus hinein - Schild hängen - begehrte ein Zimmer - Hausknecht - Blick - unters Dach - frisches Wasser geben - Herrn Thomas John aufzusuchen (…)

Ich habe bei diesem Beispiel nun ziemlich viele “unnötige” Wörter weggelassen. Der “Weglass-Grad” kann nach belieben gewählt werden und ist teilweise auch eine Übungssache. Ich möchte noch betonen, dass ich die “Überlesungsmethode” bei anspruchsvoller oder qualitativ hochstehender Literatur nicht empfehle. Vorallem bei letzterem geht ein grosser Teil des Lesespasses verloren.

Textdarstellung
Man hat leider nur selten Einfluss auf die Darstellung des Textes; sie hat aber einen erheblichen Einfluss auf die Lesegeschwindigkeit. Wird beispielsweise eine unbekannte Schriftart verwendet oder ist die Schriftgrösse zu klein wird der Lesefluss gehemmt. Hier eine kleine Liste mit Hemmnissen:

  • Schriftart
  • Schriftgrösse
  • Blocktext (Das Auge muss sich immer wieder neu orientieren, da die Zeilenende alle gleich aussehen)
  • Schlechte Textstrukturierung
  • Zeilenlänge (Je kürzer die Zeilen, desto geringer die Lesegeschwindigkeit)
  • Zu den Absätzen (Zeilenlänge) noch ein kurzes Beispiel:
    1. Text

    Mein Zimmer erschien mir gleich in den ersten Tagen recht heimlich. Durch die beiden kleinen Fenster, deren vielfach geteilten Scheiben das Alter des Hauses erraten ließen, schaute ich weit über graue und rote Dächer, über rußige Schornsteine hinweg die blauen Berge und konnte die aufgehende Sonne betrachten, die als glühende Kugel auf dem verschwommenen Hügelrand lehnte. Meine eigenen Möbel die ich hatte herbeischaffen lassen, machten den beengten Raum wohnlicher, als ich anfangs hoffte, und die Bedienung, die die Hausbesorgerin übernommen hatte, ließ nichts zu wünschen übrig. Die Treppe war nicht allzusteil und konnte unmerklich erstiegen werden, ja, wenn ich in Gedanken hinanschritt, fühlte ich mich gar verleitet, bis auf den Dachboden zu klimmen.

    (Aus Rilkes “Die Näherin“)
    2. Text

    Mein Zimmer
    erschien mir gleich in den
    ersten Tagen recht heimlich.
    Durch die beiden kleinen
    Fenster, deren vielfach
    geteilten Scheiben
    das Alter des
    Hauses erraten
    ließen, schaute
    ich weit über graue und rote Dächer, über
    rußige Schornsteine
    hinweg die blauen Berge und
    konnte die
    aufgehende Sonne
    betrachten, die als glühende Kugel
    auf dem verschwommenen Hügelrand lehnte. (…)

    Jeder Zeilensprung kostet Zeit, das Auge muss sich neu orientieren. Beim 2. Text sieht man aber die Vorteile eines Nicht-Blocktextes.

    Dieser Beitrag wird in Kürze fortgesetzt werden. Stichworte für die Beitragsfortsetzung: Hilfsmittel beim Lesen, Mitsprechen, Sitzposition, Übung macht den Meister, Blickfeld, nutzlose Seminare, Augentraining, Photoreading