Offtopic: Der rote “Kürzungsstift” der Basler Zeitung
Saturday, November 11th, 2006
von Simonius
Anlässlich der Initiative “Für eine Schule mit Qualität” der SVP, die am 26. November im Kanton Baselland zur Abstimmung steht, habe ich, zusammen mit Dennis Schwaninger, einen Artikel für die Basler Zeitung (baz) verfasst. Mit einem vorgegebenen Rahmen von 2500 Zeichen gab uns die baz eine Plattform für unsere Meinung; dafür sind wir sehr dankbar.
Gleichzeitig schwangen die baz-Redakteure aber auch ihren “Kürzungsstift”. Aus schönen Sätzen wie “[…]aber man kann auch in den ruhigeren Zeiten büffeln, wie man in strengeren Zeiten faulenzen kann” wurde “Man kann auch in strengen Zeiten faulenzen”. Oder es wurden in unserem Namen gar ganze Sätze erfunden: “Mehr Drill während der Schulkarriere würde nichts bringen”. Kritisch könnte man sagen, dass unser Artikel in die “baz-Sprache” übersetzt wurde. Aus diesem Grund möchte ich nun unseren ursprünglichen mit dem gedruckten Artikel vergleichen. So sah er ursprünglich aus:
“Vielleicht finden am 26. November, wenn über die SVP-Initiative „Für eine Schule mit Qualität“ abgestimmt wird, auch minder politisch interessierte Jugendliche den Gang zur Urne; denn ein Schmunzeln lässt sich beim Lesen des Initiativtextes nicht verkneifen. Damit sind nicht der „Leistungsabfall“, die „Disziplinlosigkeit“ und das „unmotivierte Verhalten eines Teils der Schülerschaft“ oder das „Absinken des Leistungsniveaus an den Gymnasien“ gemeint, sondern die realitätsfernen Beobachtungen und unbelegbaren Begründungen der Initianten. Mit einer Übertrittsprüfung vor dem Gymnasium soll die Schülerzahl reduziert und dadurch die Qualität der Schule erhöht werden.
Erfahrungsgemäss stellt der Übertritt an eine weiterführende Schule ein wegweisendes Ereignis dar. Der Schüler muss sich entscheiden, welche Richtung er in Zukunft einschlagen will. Bei einer alles entscheidenden Prüfung nach vierjähriger Vorbereitungszeit auf das Gymnasium, dem Progymnasium, würde sich der Schüler über den Sinn seiner bisherigen Mühen fragen; denn die Selektion der Schüler findet bereits im Progymnasium (lat. „für Gymnasium“) statt.
Nur eine Schule, in der Leistung verlangt wird, garantiert eine wirtschaftsnahe Ausbildung. Die Indikatoren am Gymnasium sind Prüfungen, mündliche Mitarbeit und Eigenleistung (Maturaarbeit). Diese gewährleisten am Ende des Semesters eine ausreichende Kontrolle der schulischen Leistungen. Das Bildungssystem im Baselland benötigt daher keine groben und nicht abschätzbaren Veränderungen, sondern Feinabstimmungen, bei denen die Initiative nicht greift.
Natürlich wechseln sich harte und stressfreie Zeiten während der Schulkarriere ab. Aber man kann auch in den ruhigeren Zeiten büffeln, wie man in strengeren Zeiten faulenzen kann. Für die eigene Arbeitshaltung ist der Gymnasiast selbst verantwortlich. Die Frage lautet daher, wie der Dialog, die Stoffvermittlung und die Schüler-Lehrer-Beziehung verbessert und nicht, wie vor dem Gymnasium eine Hürde aufgebaut werden kann. Der Vorschlag der SVP setzt deshalb nicht an der wichtigsten Stelle an: beim Unterricht.
Das Initiativkomitee kann weder den angeblichen Leistungsabfall aufgrund der „massiven Zunahme“ der Gymnasiasten nachweisen, noch liefert sie adäquate Beobachtungen aus dem Schulbetrieb. Die Mehrheit der Gymnasiasten nimmt ihre Ausbildung nicht als eine auf Leistung trimmende „Bildungsfabrik“, sondern als Chance für ihre Zukunft wahr; wenn auch immer im Verlaufe der Schulzeit Zweifel über diese Sicht der Dinge aufkommen, so ziehen die meisten Maturanden gegen Ende ihrer Schulkarriere diesen Schluss: Nach der Matur (lat. maturus: reif) zählt nicht der vermittelte Stoff, sondern die Aneignung einer selbständigen und vorurteilsfreien Geisteshaltung.”
Die veränderten (oder völlig neuen) Textstellen wurden farblich hervorgehoben. Auszüge aus dem gedruckten Artikel, die nicht von uns stammen:
“Uns hat der Initiativtext […] sehr erstaunt”;
“Mehr Drill während der Schulkarriere würde nichts bringen”;
“Man kann auch in strengen Zeiten faulenzen”
Dennoch möchte ich auf keinen Fall undankbar erscheinen; es war ein interessantes Erlebnis, bei dem ich viele Erfahrungen mitnehmen konnte. Und schlussendlich wurde das eigentliche Ziel, den baz-Lesern die wirklichen Zustände im Gymnasium zu zeigen, erreicht.





